Gibt es den Weihnachtsmann überhaupt?

Obwohl es erst Nachmittag ist, dämmert es schon. Mutter zündet auf dem gedeckten Kaffeetisch die 1. Kerze im Adventskranz an. Den ganzen Tag hat es seit langer Zeit endlich mal wieder kräftig geschneit. Vom Fenster aus kann Luisa den Schneemann sehen, an dem haben sie und ihre Familie noch bis Mittag gebaut.

Großvater hatte seinen ausgedienten blau-weiß gestreiften Strickschal gegeben. Zudem holte er aus seiner alten Kiste vom Dachboden einen Zylinder und einen Frack heraus. Den habe er zu seiner Hochzeit getragen, erzählte er, als er das nach Mottenkugeln riechende, schwarze Schwalbenschwanzjackett dem Schneemann anzog.

Luisas jüngerer Bruder brachte eine Dose mit Knöpfen, die ihm Großmutter gab. Damit formten die Geschwister dem Schneemann einen Lachmund. Auch Mutter kam zum Helfen in den Vorgarten. Sie brachte eine dicke Karotte mit, die sie dem Schneemann als Nase ins Gesicht bohrte. Und Vater hatte den ollen Reisigbesen aus dem Schuppen rausgekramt und ihn Fritz, so tauften sie den Schneemann, unter den Arm geschoben.

Jetzt steht er da, der weiße Herr. Opas Frack flattert im eisigen Wind und Omas Knopfmund lacht. Fritz schaut in den Himmel. Es scheint, als ob er nach etwas Ausschau hält.

Es schneit unaufhörlich. Dicke Flocken häufen sich auf Fritz Zylinder. Das kleine gelbe Lämpchen über der Gartentür ist bereits zugeschneit. Sein warmes Licht scheint gedämpft durch den Schneemantel und bietet etwas Orientierung in der weißen Pracht. Überall in den Häusern der Nachbarschaft gehen allmählich die Lichter an.

„Hast du schon deinen Wunschzettel für den Weihnachtsmann geschrieben?“ fragt Mutter Luisa.
„Ach, an den Weihnachtsmann glaube ich doch gar nicht mehr. Das ist doch was für Babys“, antwortet sie, während sie weiter aus dem Fenster schaut. Mutter streift ihr liebevoll über den Kopf. Sie holt die selbstgebackenen Plätzchen und setzt sich zu ihr ans Fenster.

„Ich erinnere mich noch ganz genau als ich Kind war“, fängt Mutter an zu erzählen „auch wenn es doch schon etwas her ist. Ich habe damals auch nicht mehr an den Weihnachtsmann geglaubt. Wie du ja weißt Luisa, hatten meine Eltern früher einen Spielzeugladen. Mein Bruder und ich bekamen immer die neusten Spielsachen mit nach Hause zum Testen. Wir kannten alles und im Laufe der Zeit war das langweilig. Ich habe auch zur Weihnachtszeit ganz oft mitbekommen, dass Eltern die Spielsachen für ihre Kinder bei uns gekauft haben. Das habe ich mit meinen eigenen Augen gesehen, weil ich öfter nach der Schule ins Geschäft gegangen bin, um die Mittagspause mit meinen Eltern zu verbringen. Viele Eltern, die etwas bei uns kauften, ließen die Spielsachen immer geschenkfertig verpacken. Manche ließen die Geschenke auch bis Heilig Abend bei uns. Unser Fahrer brachte sie dann als Weihnachtsmann verkleidet zu den Familien. Da wurde mir schnell klar wie das mit den Geschenken und mit Weihnachten überhaupt funktionierte.

Trotzdem habe ich jedes Jahr das Haus und den Garten nach Hinweisen auf den echten Weihnachtsmann durchsucht. Ich habe mir so sehr gewünscht etwas zu finden, ein magisches Glöckchen zum Beispiel, oder ein paar Rentierhaare. Ich wollte einfach nicht akzeptieren, dass es den Weihnachtsmann nicht gibt. Aber ich habe keinen einzigen Hinweis gefunden und war sehr traurig darüber. Aber dann, als ich neun Jahre alt war,“

„Ah, genauso alt wie ich jetzt bin“, unterbricht Luisa.
„Ja, mein Mädchen“, antwortet Mutter und fährt fort.

„Da lag Heiligabend unter meinen Geschenkkartons ein goldenes Kuvert. In einer mir unbekannten Schrift stand darauf etwas geschrieben. Ich rätselte noch, was es bedeuten könnte und wollte gerade meine Eltern fragen, da geschah etwas Sonderbares. Die Buchstaben hüpften plötzlich vom Kuvert, veränderten ihr Aussehen und sprangen zurück und zwar so, dass ich dann meinen Namen deutlich lesen konnte. Durch das Herumtollen der Buchstaben löste sich etwas Goldstaub, der mir in den Schoß fiel. Superneugierig öffnete ich das Kuvert und zog ein Foto vom Weihnachtsmann heraus.

‚Ach nur eine Weihnachtskarte, bestimmt von irgendeiner Firma’, dachte ich enttäuscht. Solche Grußkarten kannte ich vom Geschäft meiner Eltern. Das war nichts Neues, obwohl die tanzenden Buchstaben auf dem Kuvert schon sehr ungewöhnlich waren. Meine Eltern saßen mit dem Rücken zu mir am Wohnzimmertisch. Mein Bruder war mit seinen Modellautos beschäftigt. Auch er hatte nichts mitbekommen.

‚Papa, von welcher Firma ist das goldene Kuvert?’, fragte ich.
‚Kuvert, welches Kuvert?’ drehte sich mein Vater zu mir um.
‚Na dieses hier!’

Ich hielt das Kuvert mit samt Foto hoch.
‚Das ist bestimmt ein Weihnachtsgruß von unserem Fahrer. Der muss irgendwie zwischen die Geschenke gerutscht sein. Leg ihn doch zu den anderen Karten auf die Kommode!’, antwortete Vater sichtbar desinteressiert und wandte sich wieder seinem Buch zu, dass er geschenkt bekommen hatte.

Ich sah mir das Foto noch mal genauer an. Dickbäuchig und mit weißem Rauschebart saß der Weihnachtsmann in seiner roten Winterkleidung winkend auf seinem Schlitten. Ich wollte gerade das Foto zurück ins Kuvert stecken, als mir der Weihnachtsmann plötzlich ein Auge zukniff.

Ich erschrak und ließ das Foto fallen. Ich glaubte meinen Augen nicht zu trauen und war doch von Neugierde so getrieben, dass ich das Foto erneut aufnahm, um mir den Weihnachtsmann noch mal zu betrachten.
‚Wie geht das denn?’, wunderte ich mich.

Und wieder geschah es, dass mir der Weihnachtsmann ein Auge zukniff.
Sein freundliches Gesicht lachte plötzlich und sein langer weißer Bart bewegte sich. Wie erstarrt konnte ich mich nicht von ihm abwenden. Mit seinen roten Handschuhen winkte er mich zu sich. Ich musste mir die Augen reiben, ob ich auch wirklich nicht träumte. Als ich sie wieder öffnete, saß ich bereits neben dem Weihnachtsmann auf seinem Schlitten, der auch tatsächlich von Rentieren gezogen wurde. Wir waren auch nicht am Boden, sondern wir flogen über den Dächern unserer Stadt.

‚So kann es kommen, wenn man nicht an mich glaubt. Dann komm ich auch gern mal persönlich vorbei!’, sprach der Weihnachtsmann und lachte wieder laut.
‚Wo fahren wir hin?’ wollte ich ehrfürchtig wissen.
‚Lass dich überraschen. Du wirst schon sehen’, antwortete er nur.

Die Fahrt ging über Stadt und Land, über Felder und Wälder. Nach einer Weile wurde der Schlitten langsamer. Auf dem Gipfel eines Berges gab der Weihnachtsmann das Kommando zum Halten. Die Rentiere schnauften laut. Überall lag Schnee. Der Weihnachtsmann stieg aus und stapfte auf dem mit Fackeln erleuchteten Trampelpfad auf ein wunderschönes großes Haus zu. Der Berg, auf dem das Haus stand war wie eine Insel, die in der Luft schwebt und der Schnee sah aus wie weiße Wattewolken. Mit einer Geste lud der Weihnachtsmann mich ein ihm zu folgen.

Gemeinsam gingen wir auf das Haus zu. Da merkte ich, dass ich ja im Nachthemd unterwegs war. Trotz eisiger Kälte habe ich aber nicht gefroren. Als wir näher kamen, roch es aus dem Haus wie bei uns nach Weihnachtsplätzchen.
Wir gingen hinein und standen sofort in einem Saal. Ein anderer Weihnachtsmann kam uns entgegen, der allerdings jünger und schlanker war, als der, mit dem ich gekommen war.

‚Da bist du ja endlich, Großvater!’, sagte er und kam geradewegs auf uns zu.
‚Und du bist also eines der Kinder, das nicht mehr an uns glaubt!’, begrüßte er mich.
‚Hm!’, nickte ich bejahend und sah beschämt zu Boden.

Zusammen gingen wir in den Saal. Dort saßen an einer riesengroßen Festtafel unzählige Weihnachtsmänner, die sich tuschelnd unterhielten. Als man uns bemerkte, wurde es plötzlich still.

Einer der Weihnachtsmänner stand von seinem Platz auf.
‚Großvater, jetzt bringst du uns ja schon wieder ein Kind an, das nicht mehr an uns glaubt. Wo soll das denn noch hinführen? Es gibt mittlerweile mehr Kinder, die nicht mehr an uns glauben, als solche, die das noch tun. Und mit jedem Kind mehr, das nicht mehr an uns glaubt, wird einer von uns arbeitslos. Früher hatten wir viel mehr zu tun’, rief der Weihnachtsmann, setzte sich und schüttelte traurig den Kopf. Auch die anderen schauten betrübt drein.

Der Weihnachtsmann, mit dem ich gekommen war, räusperte sich und sprach: ‚Wir müssen uns halt noch mehr einbringen, damit die Kinder wieder an uns glauben. Und ihr werdet sehen, dass es dann bald wieder wie früher ist. Wir sind doch eine Familie und haben immer alles geschafft.’
Seine Stimme hallte laut und eindringlich durch den Saal.
‚Aber nun lasst doch mal das Kind erzählen!’, rief der Weihnachtsmann und zwinkerte mir lächelnd zu.

Ich erzählte von meiner Familie, meinen Eltern, dem Spielzeugladen, den Unmengen von Geschenken, die nicht vom Weihnachtsmann gebracht, sondern vor Weihnachten von den Eltern gekauft wurden. Und ich erzählte auch, dass ich nie auch nur die geringste Spur in unserem Haus von dem echten Weihnachtsmann gefunden habe.

Der Weihnachtsmann erklärte mir, warum es Eltern gibt die Spielsachen kaufen. ‚Das ist so, weil diese Eltern auch nicht mehr an uns glauben!’, erzählte er traurig.
‚Aber ich glaube jetzt an dich. Das habe ich mir auch insgeheim immer gewünscht. Oh, ich bin so glücklich, dass es dich wirklich gibt!’, freute ich mich. ‚Aber was ist mit meinen Eltern, warum hast du sie nicht auch mal abgeholt?’, wollte ich wissen.

‚Ja, das ist so eine Sache!’ antwortete der Weihnachtsmann.
‚Ich kann nur zu jüngeren Kindern Kontakt aufnehmen. Deine Eltern waren schon zu groß, als sie anfingen nicht mehr an mich zu glauben.’
‚Und wenn ich meinen Eltern von dir erzähle?’
‚Das würde mich sehr freuen. Allerdings haben das auch schon alle anderen Kinder vor dir mit ihren Eltern vergeblich versucht!’
‚Und warum seid ihr so viele Weihnachtsmänner?’
‚Weil wir ein Familienbetrieb sind. Ein einziger Weihnachtsmann kann nicht gleichzeitig an jedem Ort dieser Welt sein. Wir haben einen genauen Plan, wer wann und wo am Heiligen Abend zu welchen Kindern geht!’, erzählte er mir noch.
‚Nun wird es aber Zeit, dass ich dich zurück zu deiner Familie bringe’, sagte er und so schnell wie wir gekommen waren, so schnell waren wir auch wieder weg.

‚Gibt es denn irgendetwas, was du dir von mir wünscht?’, wollte der Weihnachtsmann wissen, als wir schon längst wieder im Schlitten saßen.
‚Ja, da gibt es was!’, antwortete ich wie aus der Pistole geschossen.
‚Ich wünsche mir eine Locke von deinem Bart. Dann habe ich einen Beweis!’
‚Eine Locke von meinem Bart? Das ist aber ein ungewöhnlicher Wunsch!’
Plötzlich wurde ich so müde, dass mir die Augen immer wieder zufielen und ich einschlief. Ich wurde erst wieder wach, als mein Vater mich ins Bett legte.
‚Schlaf weiter, mein Kind!’ flüsterte er und deckte mich zu.
‚Aber was ist mit dem Weihnachtsmann?’ fragte ich gähnend, schlief dann aber sofort wieder ein.

Am nächsten Morgen wurde ich sehr früh wach und wusste nicht, ob das, was ich erlebt hatte nun wahr war, oder nur ein Traum. Als ich jedoch auf meinem Nachtschränkchen das goldene Kuvert liegen sah, wusste ich, dass das kein Traum gewesen sein konnte. Schnell griff ich ins Kuvert und zog eine weiße Bartlocke heraus. Seitdem glaube ich wieder an den Weihnachtsmann.

„Hast du denn diese Locke noch?“, will Luisa wissen.
„Aber ja, mein liebes Kind“
Mutter steht auf und kramt in der Kommode, die in der Ecke steht. Mit einem goldenen Kuvert in der Hand kommt sie zurück und überreicht ihn Luisa.
Nervös öffnet sie das Kuvert und eine plattgedrückte weiße Locke rutscht heraus. Dazu das Foto vom Weihnachtsmann, das aber mittlerweile etwas vergilbt ist.

„Mama, dann ist es also wirklich wahr und es gibt ihn doch, den Weihnachtsmann!“, lacht Luisa und betrachtet eingehend die weiße Locke. Nach einer Weile steckt sie sie zurück in den Umschlag. Sie schaut wieder aus dem Fenster und sucht angestrengt die Wolken ab.

„Vielleicht sehe ich ja seinen Schlitten!“, ruft sie aufgeregt.
Mutter reicht ihr eine Tasse Kakao, den sie sofort trinken will.
„Du musst schon hinschauen, mein Kind, sonst verplemperst du alles!“
„Aber vielleicht verpasse ich dann den Weihnachtsmann!“
„Ach, ich glaube, dass Fritz für dich weiter Ausschau hält.
Der sieht schon den ganzen Tag so verträumt in den Himmel!"

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