Fortbildung

Das Wochenende ist vorbei. Jetzt sitze ich hier in der Schule und fühle mich deplaziert. Ich denke an die Ausbeute des Wochenendes. Kiloweise Kastanien haben wir gesammelt. Rotbraune, leuchtende Früchte. Herrlich glänzend liegen sie auf dem Tablett in der Küche. Vielleicht werde ich Wunschketten basteln oder lasse sie liegen und genieße ihren Anblick. Fotografiert habe ich sie schon.

Sonnenstrahlen quetschen sich durch die gold-grün gefärbten Blätter des Baumes vor dem Seminarraum. Eine alte Fabrik versperrt der kämpfenden Sonne den Zugang. Monoton labern im Klassenzimmer irgendwelche Mitschülerinnen synchron zum Grunzgeräusch der Kaffeemaschine. Der Dozent fühlt sich nicht ernst genommen und versucht sich verbal durchzusetzen.

Die Dame vorne links wühlt geräuschvoll in ihrer Tasche.
„Muss das so laut sein?“
Eine andere stöckelt zur Kaffeemaschine, um dann unsensibel und lautstark den Löffel in der Tasse umzurühren. Im Bauerngang platscht sie dröhnend an mir vorbei.

Eine weitere Störung hemmt den Informationsfluss des Dozenten. Ein klemmender Fenstergriff verhindert ein friedliches Öffnen.

Die beiden Mädchen hinter mir verarbeiten flüsternd ihr Wochenende. Der Zweimeterdozent in Golfhose, mit kurz rasierter Frisur, kämpft um jeden Augenkontakt.

Ich habe keine Ahnung, worum es geht. Aus mir kommt ein unkontrolliertes, gelangweiltes Raunen. Der Dozent zieht die Kreide über die Tafel. Das Quietschen macht mir eine unangenehme Gänsehaut.

Das rhythmische Fußspiel einer Mitschülerin schräg gegenüber macht deutlich, dass sie mit Sicherheit nicht von dem Lehrstoff fasziniert ist.

Eine fette Schmeißfliege kommt ins Klassenzimmer geflogen. Sie trägt heute lila. Zielstrebig setzt sie sich auf den angebissenen Apfel, der hinter dem Buch meines Vordermannes versteckt liegt. Der plappert gerade mit drei anderen Damen gleichzeitig. Die Schmeißfliege lässt sich Zeit und genießt den angebissenen Apfel. Den würde ich jetzt nicht mehr essen.

Der Dozent wiederholt: „Delta M bzw. Ausgangsbasis 25 = 25 %“
Mir fällt ein, dass ich unbedingt Waschpulver und Gemüsebrühe kaufen muss. Es ist 11:00 Uhr. Wie grauenvoll. Erst 11:00 Uhr. Meine Lieblingsschuhe sind jetzt endgültig hin. Eine Reparatur lohnt sich nicht mehr, meint der Schuhmacher. Neue Schuhe kosten mindestens 100 Euro und bergen nicht die Garantie, dass sie Lieblingsschuhe werden.
Igittigitt: die fette Fliege attackiert den Lehrer.

„Den Erlös, 24 Stck. absetzen... “ Er bemerkt, dass ich mich nicht für seinen betriebswirtschaftlichen Lehrstoff interessiere. Kurz abgelenkt schlägt er nach der Fliege und erzählt weiter. Mein Magen fängt an zu knurren. Kirchenglocken läuten von irgendwo.
Ich denke an Weihnachten. Ingwerplätzchen. Nelken, ich rieche Nelken, Tannengrün und Zaubermärchen fallen mir ein. Hoffentlich haben wir viel Schnee zu Weihnachten. Dieses Jahr möchte ich unsere Girlanden über die Türrahmen hängen, damit die elektrischen Kerzen in dem Grün besser rauskommen. Wo ist eigentlich die Weihnachtskiste? Auf dem Dachboden, ganz hinten? Ja, wenn ich einen hätte. Im Keller steht die Kiste mit den Weihnachtstassen und dem Weihnachtsschmuck.
Jetzt muss ich aber endlich am Unterricht teilnehmen. Ich will jetzt zuhören.

Mein Magen wird zum beißenden Dobermann. Ausgerechnet heute habe ich nur zwei Euro in der Tasche. Bei dem Dozenten fallen und steigen die Absätze immer noch. Ich tanze mit den Knien und trommle mir auf die Schenkel. Die Umsätze verdoppeln sich. Den negativen mathematischen Kunstbegriff brauchen wir uns nicht zu merken oder zu verstehen. Die Blöde vor mir versucht intellektuelle Kommentare loszuwerden. Wenn sie nur zum Luftholen ansetzt, wirkt sie schon schrullenhaft. Ihre Anmerkungen erinnern mich an Gartenarbeit, schroff und wüst. Oh Gott, vergib mir.

„Preisabsatzposition, der Knick ist bei genau 30.“
Was ist los? Vielleicht kommt ja wirklich bald ein Prinz zu mir?
Ich will jetzt endlich hier raus.

Wie unordentlich die freien Bänke dahinten stehen. Teilweise für einige Damen als Ablage dienend. Mir kommt es wie ein Schlachtfeld vor. Ich suche die Degen und die Kanonen. Was habe ich nur für Gedanken?

Er wieder.
“Die Mischkosten, die Einzelkosten können fix oder variabel sein“
Sollen sie auch. Ist mir doch egal. Ich habe Hunger. Was könnte ich denn heute kochen? Vanillepudding mit Quark, Blaubeeren und Ahornsirup? Hirseauflauf mit Möhren und Gorgonzola?
Wann ist dieser schrecklich langweilige Unterricht endlich zu Ende?
Meine Zehen werden kalt. Ich glaube, dass die Sandalenzeit für dieses Jahr vorbei ist.

Eine forsche Diskussion ist entfacht. Habe ich etwas verpasst?
Elfuhrvierzig. Noch bis zwölf Uhr aushalten.

Ach so, die diskutieren Mischkosten und Einzelkosten, Preisstrategie, würg, die kommen aber auch zu keinem Ergebnis hier. Jetzt ist es der Hochpreis, dann der Niedrigpreis, jetzt will er auch noch amortisieren. Was will er?

Zu meiner Friseurin gehe ich jetzt aber wirklich nicht mehr. Sie hat sich alle Chancen kaputt gemacht. Jedes Mal habe ich eine Außenrolle, wenn ich aus ihrem Laden komme. Jetzt reicht es mir.
Nur noch fünf Minuten bis zwölf Uhr. Zum Glück gibt es hier keinen Pausengong, der mich brutal erschlagen würde.

Der labert ja immer noch. Jetzt bezieht er sogar die Japaner mit ein. Ja, ja, wenn der Esel nicht schwimmen kann, bekommt das Wasser die Schuld. Meine Gedanken rutschen immer wieder ab. Ich darf jetzt nicht mehr reisen. Ich muss jetzt wach werden, sonst versäume ich meine schwerverdiente Pause.

Endlich, die Stunde ist vorbei.

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